Was kann PISA?

14. Nov. 2007
"Presse"-Kommentar: Von Japan bis Mexiko: "Pisa" hobelt alle gleich
(von Erich Witzmann)
 
   Wien (OTS) - In drei Wochen wird die nächste Pisa-Studie
präsentiert. Das befürchtete Abrutschen löst schon jetzt Hysterie
aus.
   Die Pisa-Studie - genauer: das, was man dieser Studie zuschreibt -
ist ein einziger Schmäh. Pisa misst höchstens sich selbst, behaupten
namhafte Bildungsexperten und Wissenschafter, die (jeder für sich)
ihren Ruf zu verteidigen haben. Der Pisa-Test erkundet nicht den
Bildungsstandard eines Landes und liefert schon gar nicht einen
Vergleich der Länder untereinander, er zeigt vielmehr, was 15-Jährige
von dieser Studie selbst halten. Und zwar unbeschadet davon, ob der
Inhalt der Testaufgaben bereits in der Schule unterrichtet wurde, ob
die Fragen überhaupt sinnvoll in ihre Sprache übersetzt wurden, ob
sie ihrem Lebens- und Kulturbild entsprechen.
   Die Autoren des derzeit im Druck befindlichen kritischen
Pisa-Buchs konzentrieren sich jeweils auf ihr Land und dessen
Abschneiden in dieser Vergleichsstudie. Kein einziger ist zufrieden,
die meisten sprechen von einer unseriösen Erhebung. Auch nicht der
Autor aus Finnland, das als Pisa-Sieger in die Annalen einging.
   Österreich hat ein eigenartiges Verhältnis zu dieser unter der
Ägide der OECD durchgeführten Arbeit. 2001 war Jubel angesagt, lagen
wir doch im guten Mittelfeld, vor allem aber einige Ränge vor
Deutschland. 2004 haben uns die Deutschen überholt, Katzenjammer war
die Folge. Jetzt wird ein weiteres Abrutschen befürchtet bzw.
vorhergesagt. Manche obrigkeitshörige Österreicher glauben sowieso an
jedes Ranking, das aus dem Ausland kommt, andere instrumentalisierten
flugs die Ergebnisse nach dem eigenen politischen Gutdünken. Dass man
die Pisa-Ergebnisse unabhängig vom Länder-Ranking auf Österreichs
Schulwirklichkeit herunterbricht, (und damit Pisa einen fachlichen
Stellenwert gibt) - dieser Arbeit unterzieht sich kaum jemand.
   In Deutschland scheint klar, dass Pisa ein Votum für das
differenzierte Schulsystem ist, lagen doch Bayern und
Baden-Württemberg mit ihrer Vielfalt an Schulformen klar vor den
Gesamtschulländern im Norden Deutschlands. Diametral anders die
Interpretation in Österreich: Da wir nun einmal mittelmäßig bis
miserabel abschneiden, müsse sich das Land an dem Pisa-Sieger
Finnland messen. Und dort gibt es die Gesamtschule, also muss sie
auch für Österreich gut sein.
   Ob die österreichische Schülerpopulation mit jener aus Finnland zu
vergleichen ist, ob nicht der exorbitant hohe Immigranten-Anteil
hierzulande eine andere Ausgangsposition schafft, wurde erst gar
nicht ansatzweise erörtert. Das hätte vielleicht manche Schlagzeile
zunichte gemacht, manche politische Attacke als Schaumschlägerei
entlarvt. Die Oppositionsseite rief im Dezember 2004
(Veröffentlichung der Pisa-Studie 2003) den politischen Notstand aus,
die damals für die Schulbelange zuständige ÖVP bunkerte sich ein. Die
Folge war eine verkrampfte Bildungspolitik, bisweilen auch deren
Stillstand. Zahlreiche Politiker pilgerten nach Finnland, um sich
Anleitungen für ihre Politik zu holen. Kaum jemanden verschlug es zum
Pisa-Zweiten Korea, wo ein uniformer Drill das Schulgeschehen prägt.
Allein die Reihung Koreas knapp hinter Finnland zeigt, wie sehr die
Ergebnisse einer Interpretation bedürfen.
   Die Hysterie in Österreich, die sich schon drei Wochen vor der
(offiziellen) Verkündung der Ergebnisse breit macht, werden auch
wissenschaftliche Expertisen kaum mildern können. Man sollte Pisa
analysieren, was für das österreichische Verständnis wichtig ist, was
nicht. Die Kernfrage ist freilich: Streben wir eine gleichgeschaltete
Bildung an, eine, die man nach den gleichen Parametern rund um den
Globus messen kann?
   Österreich kann durchaus auch selbstbewusst sein - wenn es um
seine Geschichts-tradition und das mitteleuropäische Erbe geht, um
seine großen Musiker und die gegenwärtige Staatsoper. Gewisse Mängel
sind bekannt, ohne Zweifel, fehlende Mobilität und Internationalität
gehören dazu. Andere Länder haben wiederum ihre spezifische
Eigenheiten, mehrere Länder liegen bezüglich ihres
Kulturverständnisses tatsächlich auf einer Linie. Und jetzt soll
alles über einen Kamm geschoren werden? Nach acht Schuljahren sollen
die Burschen und Mädchen aus Österreich die gleichen Antworten
liefern wie ihre Altersgenossen in Japan, Irland und Mexiko? Das kann
doch wahrlich nicht das Ziel sein!
   Aus Pisa lernen: Ja. Pisa eilfertig zur eigenen Maxime erheben:
Nein. Eine selbstbewusste Bildungspolitik muss über verbale
Schnellschüsse nach der Pisa-Veröffentlichung am 4. Dezember erhaben
sein. Wie selbstbewusst diese Politik in Österreich ist, wird sich in

zwei Wochen zeigen.

 

Und was meint der Philsoph Konrad Paul Liessmann zu PISA - klicken Sie hier.